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Die Arbeiten von Ilse Hellwig bewegen.

Sie können anrühren oder schockieren – auf keinen Fall lassen sie den Betrachter gleichgültig. Sie wirken unmittelbar, fast körperlich, scheinen direkt dem kollektiven Unbewussten entsprungen zu sein....

Das immer wiederkehrende Grundthema der in ihrer Substanz oft rätselhaft anmutenden Werke ist der Mensch. In ihren meist seriellen Figurengruppen und Bildern offenbart sich eine überraschende Vielfalt an Gestaltungsmanifestationen des ursprünglichen Bildgedankens. Durch die Reduzierung auf eine meist geo- und symmetrische Formgebung entsteht hingegen eine konzentrierte Ausdruckskraft. An den von Ilse Hellwig kreierten Figuren gibt es nichts Überflüssiges – jedes Detail bezeichnet die essentielle Charakteristik des Objekts.

Ihre Ausdrucksformen sind ebenso archaisch wie die eingesetzten Materialien – indem sie Holz, Draht, Band, Stoff, Eisen, Knochen miteinander verbindet, verknotet, vernäht – geht sie zurück zu den ältesten Kulturtechniken der Menschheit, nach deren elementarer Textur sie auf der Suche ist. Die Oberflächen werden vorwiegend von Stoffen bestimmt, die zusammen genäht in einem Gestus über den Körper „gezogen“ werden. Der die Grenz-Frage verwischen lässt, ob damit die Figur mit dem größten Sinnesorgan des menschlichen Körpers – der Haut – ausgestattet oder mit einer Be- oder Verkleidung versehen wird. Die formgebenden Nähte sind förmlich symbolische Nahtstellen, in denen Verknüpfung wie Trennung aufgehoben sind, indem sie sowohl auf eine der frühesten Formen des Verbindens von Materialien, als auch auf Verletzungen und Vernarbungen der lebendigen Oberfläche verweisen. Die durchweg natürliche und damit vergängliche Substanz der von Ilse Hellwig verwendeten Materialien thematisieren die Zeitlichkeit, das Ab-Leben des Menschen in seiner individuellen wie kulturellen Dimension.
Trotz der erdigen, archaischen Tiefe und durchgehenden Ernsthaftigkeit wirken die Arbeiten von Ilse Hellwig niemals erdrückend schwer – vielmehr scheinen sie zuweilen durchdrungen von einem leicht augenzwinkernden Humor, der im kästnerschen Sinn „trotzdem lacht“ , einer zutiefst empfundenen Liebe zum Sein, die über such selbst hinausgehen, Nachsicht zeigen – und lachen lässt.

Sylvia Pfeifer
Psychoanalytikerin, Bremen

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